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Amerika – nein danke?
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind in der Geschichte immer wieder Objekt der Neugierde, aber auch der Unwissenheit, und immer wieder Stein des Anstoßes gewesen. Nur selten kam man um die Beschäftigung mit Amerika herum, konnte das Land einfach ausblenden, links liegen lassen. Das gilt heute, im Jahr 2008, mehr als je zuvor. Auch wenn sich mit dem Versagen im Irak immer klarer die Grenzen der Weltmacht USA zeigen.
Globalisierung gestalten
Wichtigster Grund für die Unverzichtbarkeit der USA ist die Globalisierung. Wer die Globalisierung gestalten will – und das ist nötiger denn je – kommt um die USA nicht herum. Die USA hatten die Federführung in der Gestaltung der Welt nach dem 2. Weltkrieg. Sie haben sie genutzt, um die Grundlagen für die Globalisierung sowie den westlichen Wohlstand und dessen Sicherheit zu legen. Aber sie selbst sind auch Teil dieses Prozesses, in dem sie lange die Nase vorn hatten, und bekommen die Folgen immer stärker zu spüren. Arbeitsplätze gehen verloren, während die Armen aus den Nachbarstaaten im Süden Einlass und Arbeit begehren. Das setzt selbst ein bekennendes Einwandererland wie die USA einer schweren Belastungsprobe aus und lässt viele an der Möglichkeit zweifeln, das Erbe und die Tradition des Einwanderungslandes fortzusetzen.
Auch wenn die Grenzen der Weltmacht USA mit jedem Tag sichtbarer werden, bleiben die USA als Weltordnungsmacht unverzichtbar. Das hat vor allem damit zu tun, dass die USA auch weiterhin das bedeutendste demokratische und zugleich marktwirtschaftlich geprägte Land bleiben, das über mehr als nur „soft power“ verfügt. Doch genau auf diese, nämlich auf die Attraktivität und Überzeugungskraft einer Gesellschaftsordnung, kommt es an, wenn man Globalisierung gestalten will. Weil die USA überzeugt von der Demokratie und vom Kapitalismus sind, können sie das Konfliktpotential zwischen beiden immer wieder erproben. In den letzten Jahren ging der Konflikt zugunsten eines vor allem wirtschaftlich geprägten Freiheitsbegriffs aus, während die Ungleichheit wuchs. Dessen wird man sich in den USA jetzt zunehmend bewusst. Ähnlich wie die USA müssen nun auch die europäischen Staaten entscheiden, ob die Lasten und Chancen der Globalisierung, von der ja gerade die ärmeren Länder profitieren können, im eigenen Lande gerecht verteilt sind.
Soziales Europa vs. unsoziales Amerika?
Als Gegenmodell sind die USA oft willkommen, vor allem wenn es um die Sozialpolitik geht. Hier wird, unter dem Schreckensruf „Keine Amerikanisierung!“, gerne das amerikanische gegen das europäische Sozialmodell ausgespielt, auch wenn es in Europa hartnäckige Zweifler gibt, die auch so etwas wie ein europäisches Sozialmodell gar nicht erkennen können. Sicher: der Sozialstaat ist in den USA weniger stark entwickelt, man denke nur an das Gesundheitswesen und die Tatsache, dass Millionen von Amerikanern nicht krankenversichert sind. Doch in einem Punkt sind die Amerikaner ein Stück weiter als die Europäer: wenn sie an die soziale Sicherheit denken, dann schauen sie nach Washington, zum Federal Government. Wer würde in Europa nach Brüssel schauen, wenn er oder sie an die soziale Sicherheit denkt? Doch ein gemeinsames Europa kann nur werden, wenn sich das ändert. Die nationale Identität als Amerikaner entstand in den USA lange vor der Erfindung des Sozialstaats. Doch ob der Zusammenhalt der „universellen Nation“, als die sich die USA inzwischen sehen, ohne die Klammer aus Washington funktionieren würde, darf bezweifelt werden.
Einwanderung und multikulturelle Gesellschaft
Diese Klammer ist wichtiger denn je. Denn die Einwanderung in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat die Diskussion um die „multikulturelle Gesellschaft“ neu entfacht. Doch während es in den USA eher die Zweifler sind, die sich dazu äußern, und die grundsätzliche Möglichkeit, eine Nation aus Einwanderern aus der ganzen Welt zu schaffen, nicht in Abrede gestellt wird, erstarken in Europa die Gegner dieses Modells, vor allem auf der Rechten des politischen Spektrums. Hier gibt es das Feindbild USA, weil nicht sein kann, was nicht sein darf: eine multiethnische, multikulturelle Nation, die sich zur Einwanderung bekennt, ja sogar stolz darauf ist. Die Gegner auf der Rechten erstarken bei uns auch deshalb, weil es keine positive Vision der Einwanderungsgesellschaft in Europa oder Deutschland gibt. Und genau deshalb sind ausländerfeindliche Äußerungen selbst in der Mitte unserer Gesellschaft so stark, dass die Autoren einer kürzlich vorgelegten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von „Rechtextremismus“ gar nicht sprechen wollten. Wer dagegen Bollwerke errichten will, muss sich mit den USA auseinandersetzen, nicht nur ablehnend und abgrenzend, sondern mit kritischer Sympathie. Denn hier sind die USA Modell und Vorbild, wie der ZEIT-Journalist Gunter Hofmann schreibt: wenn die politischen Eliten in Europa den Kampf der Kulturen verhindern wollen, „müssen sie eine Idee von Europa entwickeln, die dem Bild (Vorbild?) des multikulturellen Amerika ähnelt.“
Parteien und Wahlen
Wenn gilt, dass wer Globalisierung und die Einwanderungsgesellschaft gestalten will, um die USA nicht herumkommt: darf man dann wenigstens bei den Parteien wegschauen? Die sind doch bekanntlich Auslaufmodell in den USA, schon seit langem.
Besser nicht: auch der politische Prozess in den USA hat vieles zu bieten, weit mehr als nur das Wahlkampf-Knowhow, zu dessen Erforschung die bundesdeutschen Parteien mindestens alle vier Jahre ihre Kundschafter entsenden. Auch hier gibt es etwas zu lernen; doch wie wäre es damit, nicht nur die Wahlkampfkünste der amerikanischen Consultants anzuschauen, sondern auch die Experimentierfreudigkeit der Amerikaner mit den Elementen der direkten Demokratie? Immerhin haben sie doch gerade bei der Wahl am 7. November 2006 in etlichen Staaten für die Erhöhung des Mindestlohns gestimmt. Und die Vorwahlen, gerade bei den Demokraten, haben uns gezeigt, wie lebendig die amerikanische Demokratie ist.. Wurde nicht auch in der SPD im Jahr 2000 einmal laut über die Möglichkeit von Vorwahlen nachgedacht? Und warum sind die Parteien in Frankreich, Griechenland und Italien da ein Stück weiter als in Deutschland? Lassen wir uns doch von der Experimentierfreudigkeit der Amerikaner in diesen Dingen ein wenig anstecken, statt nur die Tricks des Negativwahlkampfs aus den USA zu importieren!
Über alle diese Themen wird in Veranstaltungen der Atlantischen Akademie nachgedacht, geforscht und diskutiert. Wir tun das mit Wissenschaftlern aus Deutschland und den USA, die wir zu unseren Seminaren und Vorträgen einladen. Oft ist die Beschäftigung mit den USA eine schmerzliche Erfahrung, gerade wenn man Sympathien für dieses Land hat. Aber immer ist es eine lohnende Erfahrung, die man auf keinen Fall missen sollte.
Wir freuen uns auf Ihren Anruf, auf Ihre Email, auf Ihren Besuch und natürlich auch auf Ihre Teilnahme an unseren Veranstaltungen.
Mehr über unsere Veranstaltungen entnehmen Sie bitte der Seminarübersicht.
Das Programm mit den Veranstaltungen von April 2009 bis März 2010 können Sie hier als pdf-Datei herunterladen. Auf Wunsch senden wir es Ihnen gern per Post zu.
Dr. Werner Kremp Direktor
Wolfgang Tönnesmann Studienleiter |